Valentino Rossi sieht der kommenden Saison mit der ihm üblichen Leichtigkeit des Seins entgegen. Vielleicht geht er die GP-Saison noch lockerer an als üblich, weil es womöglich seine letzte sein könnte. Natürlich brachte ihn der elfte Platz beim Jerez-Test ein bisschen ins Grübeln. Aber Rossis Zuversicht hat handfeste Gründe. Er hat mit 27 Jahren schon 79 Grand Prix und sieben WM-Titel gewonnen. Er hat neue Maßstäbe gesetzt. Trotzdem wirkt der Italiener alles andere als ausgebrannt. Er wirkt beschwingt wie in seinen besten Tagen. Vielleicht hat er auch wegen der denkbaren Formel-1-Karriere so gute Laune. Der Camel-Yamaha-Star will sich nicht nachsagen lassen, er vernachlässige jetzt seine MotoGP-Aufgabe, obwohl Valentino beispielsweise beim Barcelona-Test erst am Freitag Mittag in der Box aufgetaucht ist. "In der Früh war es ohnedies zu kalt", erklärte er mit einem breiten Grinsen. "Ich bin trotzdem die Bestzeit gefahren..." Rossi wird alles unternehmen, um 2006 den sechsten Titel hintereinander einzuheimsen. Er behauptet sogar, es sei noch gar kein weiterer Ferrari-Test vereinbart worden. Denn er will sich zuerst einmal auf den MotoGP-Auftakt konzentrieren. "Die Formel 1 lenkt mich nicht von der MotoGP-WM ab", versichert der Italiener. "Ich habe kein Problem, vom Auto wieder auf das Motorrad umzusteigen. Nach dem Valencia-Test im Ferrari bin ich nach Katar geflogen. Nach sechs Runden bin ich unter dem Rundenrekord gewesen."
Welche Emotionen und welche Gefühle erlebst du im Ferrari? Valentino Rossi: Der Unterschied ist sehr, sehr groß. Wenn ich über persönliche Gefühle sprechen soll, dann muss ich sagen, die sind zum Beispiel ganz anders als die von Michael Schumacher. Ich habe eine große Leidenschaft für Autos..., für Rallyeautos. Jetzt habe ich die Gelegenheit bekommen, Formel 1 zu fahren. Eine wirklich großartige Sache. Aber das ist für mich eine komplett andere Welt. Das persönliche Feeling ist ganz anders als im MotoGP. Wenn du ein Motorrad fährst, wirst du ein Teil davon. Du bewegst dich im Sattel und veränderst dadurch die Belastung des Vorderreifens. Im Auto hat der Fahrer eine wesentlich passivere Rolle. Das Autofahren ist deswegen nicht einfacher. Es ist einfach anders.
Man stellt sich vor, dass die Beschleunigung im Formel 1 überwältigend ist. Nein. Die Beschleunigung von 10 auf 100 ist gleich, egal ob Auto oder Motorrad; 2,4 Sekunden, mehr oder weniger. Der größere Unterschied ist der Kurvenspeed; und natürlich das Bremsvermögen. Das ist wirklich unglaublich. Sagenhaft! Nehmen wir Mugello als Beispiel. Ich komme zum ersten Bremspunkt, ungefähr gleichschnell wie mit der Yamaha. Aber mit dem Motorrad beginnst du bei 200 Meter zu bremsen. Im Ferrari bei 70. (Er lacht.) Das ist unfassbar.
Du hast die Umstellung recht rasch bewältigt. Ja, das ist möglich. Es war nützlich, dass mir die Ferrari-Leute viele Ratschläge gegeben haben. Aber wenn du zum Bremspunkt kommst, wird es schwierig, denn du denkst dauernd: Es ist unmöglich, den Speed noch rechtzeitig verringern zu können. Du kannst mit dem Formel-1-Auto unbeschreiblich spät bremsen. Aber sobald du auf die Bremse steigst, ist die Arbeit für den Piloten vorbei. Du fixierst den Bremspunkt, du bremst, dann ist es erledigt. Und die Zeitspanne ist sehr, sehr kurz. Mit dem Motorrad beginnt die Arbeit für den Fahrer erst, wenn du mit dem Bremsen beginnst. Du musst die schlingernde Maschine unter Kontrolle halten. Du musst runterschalten. Alles ist ganz anders.
Wahrscheinlich ist es viel leichter, im Auto Risiken einzugehen, weil man viel geschützter ist. Ja, das ist ganz sicher so. Ich habe mich in Valencia sehr oft gedreht. Sieben Mal, glaube ich. Für einen Motorradfahrer ist das sehr unterhaltsam. Du machst einen Fehler, und das Auto bleibt stehen. Du nimmst das Lenkrad ab, steigst aus, und das Kapitel ist erledigt. Wenn du mit dem Motorrad einen Fehler machst, stürzt du und rutschst ins Kiesbett. Du spürst sofort Schmerzen, natürlich ist die Furcht größer. Aber bei mir ist es so, dass ich im Formel 1 mehr Angst habe, als auf dem Motorrad. Weil man in einem so engen Cockpit sitzt und weil der Schwerpunkt so tief ist. Ich kann mir vorstellen, dass es bei Schumacher umgekehrt ist.
Aber sobald du das Auto aus der Kontrolle verlierst, hast du es mit viel mehr Gewicht und Wucht zu tun. Ja. Wenn der Formel 1 einmal anfängt, ausser Kontrolle zu geraten, kannst du als Fahrer nicht mehr viel dagegen tun.
Wie mühselig war es, sich mit dem hohen Kurvenspeed zurecht zu finden? Na ja, das sind unglaubliche Geschwindigkeiten. Das ist eine schwierige Sache. In den schnellen Kurven bin ich immer sehr gut. Mit dem Motorrad, mit dem Auto, mit allen Fahrzeugen. Auch mit dem Formel 1. Aber ich brauche Zeit, bis ich mich ganz ans Limit herangetastet habe. Am Schluss war ich in Valencia und Mugello fast so schnell wie Schumacher und Massa. Aber es war sehr schwierig.
Kehren wir zu den Motorrädern zurück. Wenn du 2007 noch in der 800-ccm-Klasse fährst, kannst du in der fünften verschiedenen Kategorie Weltmeister werden: 125, 250, 500, 990 und 800 ccm. Ist das ein Anreiz für dich? Ja, ganz sicher. Aber mir sind 990 ccm lieber, glaube ich. Aber wenn man sich die Entwicklung ansieht, dann ist die Reduktion auf 800 ccm vielleicht eine gute Idee. Ich hoffe, dass die Motoren fahrbar sein werden wie die heutigen. Und natürlich würde ich auch gern mit der 800er gewinnen. Ich konnte bisher mit vielen verschiedenen Maschinen gewinnen. Vielleicht wäre die 800er ein weiteres Highlight. Eine neue Herausforderung ist das auf jeden Fall.
Wann wirst du entscheiden, ob du in die Formel 1 gehst oder noch ein Jahr MotoGP fährst? Ferrari hat mir keine Frist gesetzt. Aber das wird keine langwierige Geschichte. Yamaha braucht eine Entscheidung. Also werde ich mir das bald überlegen müssen. Aber auch wenn ich in die Formel 1 gehe, werde ich die ersten Entwicklungsfahrten mit der 800er-Yamaha machen. Yamaha ist im Moment ein Teil von mir. Wenn ich in den Autosport gehe, wäre ich froh, wenn Yamaha trotzdem 2007 wieder Weltmeister wird. Deshalb will ich ihnen mit der 800er helfen.
Die 2006-Yamaha war in Barcelona fast unschlagbar, in Jerez gab es riesige Probleme. Besonders der Motor ist seit letztem Juni sehr, sehr viel besser geworden. In der 500er-Klasse hat sich von einem Jahr zum andern fast nichts mehr geändert. Die Entwicklung der Zweitakter war nach fast 30 Jahren am Ende. Im MotoGP haben wir jedes Jahr ein neues Motorrad. Die Motorleistung ist jetzt sehr zufriedenstellend. Letztes Jahr war die M1 manchmal beim Reinfahren in die Kurven nicht sehr präzise. Das ist besser geworden. Dafür haben wir jetzt auf Pisten wie in Jerez Vibrationen, also Chattering. Dieses Problem müssen wir lösen. Es darf einfach nicht dauernd auftauchen, wenn wir richtig schnell fahren... Aber beim Jerez-Test konnten wir ändern, was wir wollten, das Chattering ist geblieben.
Trotzdem sieht es so aus, als sei Yamaha wesentlich besser auf die Saison vorbereitet, als Honda. Es sieht so aus, als sei bei Honda im Winter ein gehöriges Durcheinander entstanden. Ja, deshalb habe ich das Gefühl, wir sind besser vorbereitet als Honda. Aber ich rechne damit, dass Honda am 26. März vorne dabei sein wird. Sie werden die Probleme in den Griff kriegen.
Man sagt dir nach, du hättest die Fähigkeit, andere Fahrer mental zu zerstören. Machst du das absichtlich? In meiner Karriere hat immer die Tatsache den Unterschied ausgemacht, dass ich ein bisschen schneller fahren konnte als die andern. Das ist mentale Stärke. Das ist keine bewusste Entscheidung von mir. Aber es macht Freude. Wir betreiben einen Sport, aber es ist auch Krieg. Auch beim Kartenspielen willst du besser sein als dein Gegner.
Wer werden 2006 deine schärfsten Rivalen sein? Ich erwarte auf jeden Fall, dass Dani Pedrosa sehr stark sein wird. Aber vielleicht nicht gleich vom ersten Rennen an. Melandri und Hayden haben zwar zuletzt einige Probleme gehabt, aber ich rechne fest mit ihnen. Hayden ist sehr gut und sehr schnell. Im Herbst ist er fast bei jedem Rennen unter die ersten drei gefahren. Aber er ist noch nicht in der Lage, ein Motorrad zu entwickeln. Vielleicht hat er dadurch dieses Durcheinander ausgelöst. Bei Melandri... Ich weiss nicht, welche Probleme er momentan hat.
Du hast Sete Gibernau auf Ducati vergessen. Er war Zweiter beim Jerez-Test... Später in der Saison werden wir vielleicht auch mit Ducati rechnen müssen. Wir müssen zuerst herausfinden, was die Bridgestone-Reifen leisten können. Man wird sehen, wie sie auf den unterschiedlichen Pisten zurechtkommen. Man sollte auch Colin Edwards nicht vergessen. Er wird in diesem Jahr schneller sein, weil das Motorrad besser geworden ist. Letztes Jahr hatte er viele Sorgen mit der M1. In diesem Jahr wird er gute Resultate erzielen.
Manche Leute sagen, Pedrosa sei der neue Rossi. Stimmst du zu? Ich hoffe nicht! (Er lacht.) Ich denke, jeder Fahrer ist anders. Aber Pedrosa hat drei WM-Titel hintereinander gewonnen. Er hat bereits eine großartige Karriere gemacht.
Fällt es dir nach all den Erfolgen nicht schwer, dich neu zum motivieren? Wird dir Max Biaggi als Ansporn fehlen? Meine Motivation lässt nichts zu wünschen übrig. Jedes Jahr ist ein neues Gefecht, ein neuer Krieg. Mein Siegeswillen ist so groß wie immer. Die Arbeit mit meinem Team spornt mich zu immer neuen Höchstleistungen an. Die Atmosphäre in der Box ist sehr gut. Mein Team mit Jeremy und den anderen Jungs und den anderen Technikern von Yamaha, da leistet jeder 100 Prozent. Jeder strengt sich ungeheuer an. Diese Truppe nicht zu enttäuschen, das ist meine grösste Motivation. Dass Biaggi nicht mehr dabei ist, macht mich nicht glücklich. Er war immer einer meiner grössten Rivalen, eine aussergewöhnliche Begabung. Für die Weltmeisterschaft ist es nicht gut, dass Max nicht mehr mitfährt.
Quelle: "Motorsport aktuell", Nr. 13/2006, Seite 34/35, Artikel von Michael Scott |